Der Emscher-Umbau

Ein Fluss im Wandel

Eigentlich müsste das Ruhrgebiet Emschergebiet heißen. Denn in der Mitte der Region entspringt ein Fluss, der sich quer durch die Kernzone des Schmelztiegels schlängelt: die Emscher. Ihre Quelle liegt in Holzwickede bei Dortmund, rund 80 Kilometer weiter westlich, in Dinslaken, fließt sie in den Rhein. Vor mehr als hundert Jahren war die Region rund um die Emscher noch eine dünn besiedelte Auenlandschaft mitsamt sumpfiger Heiden und feuchter Bruchwälder. Bald hielten jedoch Industrie und Bergbau Einzug ins ländliche Idyll und schnell entstand ein industrieller Ballungsraum: Immer mehr Kohle- und Stahlbetriebe siedelten sich an. Die Bevölkerungsdichte wuchs rasant und zahlreiche Arbeitersiedlungen wurden erbaut.

Die Veränderungen der Landschaft und der Infrastruktur blieben nicht ohne Folgen für den ländlich geprägten Fluss. Sämtliche gewerbliche und häusliche Abwässer wurden in das kleine Flüsschen Emscher und seine Nebenläufe geleitet. Diesen hohen Anforderungen war die Emscher nicht gewachsen: Bei Hochwasser kam es immer wieder zu schweren Überschwemmungen, die ganze Stadtteile unter Wasser setzten und die Menschen mit hygienischen Missständen belasteten. Um die Probleme in den Griff zu bekommen, wurde 1899 von den anliegenden Städten und Kreisen, Bergbau und Industrie die EMSCHERGENOSSENSCHAFT gegründet mit dem Ziel, der Emscher wieder einen ungehinderten Abfluss zu verschaffen. Durch den Bergbau und die damit einhergehenden Bergsenkungen war es jedoch nicht möglich, ein unterirdisch verlaufendes Abwassersystem einzurichten. Rohrleitungen unter der Erde hätten diesem Druck nicht standgehalten. Man entschied sich daher, den Flusslauf zu begradigen und die Emscher – ähnlich einem Kanal – zu bändigen. Aus der „ungezähmten“ Emscher wurde so ein von Menschen geformtes System offener Abwasserläufe.

Chancen des Wandels

Heute, über hundert Jahre später, sind fast alle Zechen und die meisten Stahlwerke verschwunden. Der Bergbau ist nordwärts gewandert, die Bodensenkungen sind weitgehend abgeklungen. Das gibt der Emscher die Chance, ihr Gesicht erneut zu wandeln: Aus der einst von Menschenhand begradigten, in Betonkorsetten verbannten Emscher und ihren Nebenläufen wird wieder ein Flusssystem ohne Abwasserbelastung. Das Schmutzwasser wird zukünftig in geschlossenen Kanälen abgeleitet, der Fluss und seine Nebenläufe werden Schritt für Schritt in naturnahe Gewässer umgebaut. Der Umbau eines so großen Flusssystems ist ein Generationenprojekt, bei dem es um erheblich mehr als die Verwandlung ehemaliger Meideräume in attraktive Erholungsgebiete geht. Ziel ist die entscheidende Aufwertung des Standorts Emscherregion durch Projekte weit über den Gewässerlauf hinaus.

Sowohl technisch als auch finanziell ist der Umbau des Emschersystems Aufgabe mit ungewöhnlichen Dimensionen: Mit einer Projektlaufzeit von mehreren Jahrzehnten ist der Emscher-Umbau durch die EMSCHERGENOSSENSCHAFT eines der größten Infrastrukturprojekte Europas. Mit dem Spatenstich zum Pumpwerk Gelsenkirchen im Jahr 2009 erfolgte der Startschuss für den Bau des Abwasserkanals Emscher zwischen Dortmund-Deusen und Dinslaken. Für diesen „Emscherschnellweg unter Tage“ werden insgesamt 15.000 Kanalrohre unterirdisch vorgepresst. Der Abwasserkanal Emscher verläuft in Dortmund beginnend 51 Kilometer lang in Richtung Westen. Bei einem Gefälle von 1,5 Promille (entspricht 1,50 Meter auf einem Kilometer) würde er in Dinslaken in 80 Metern Tiefe ankommen. Um dies zu vermeiden, baut die EMSCHERGENOSSENSCHAFT zwischendurch insgesamt drei gigantische Pumpwerke: in Gelsenkirchen, Bottrop und Oberhausen. Aus einer Tiefenlage von ca. 40 Metern wird in diesen unterirdischen Bauwerken das Abwasser aus dem Kanal auf etwa acht Meter Tiefe hinaufbefördert, damit es dann wieder in einem Gefälle abfließen kann.